Jeden Sommer dasselbe Bild. Kaum überschreitet das Thermometer die 35-Grad-Marke, folgt die nächste Meldung von tausenden Hitzetoten.

Die Zahl klingt nach einer Zählung, nach etwas Festgestelltem. Tatsächlich handelt es sich fast immer um eine statistische Schätzung, und wie unsicher diese Schätzung sein kann, zeigt ein Blick auf die eigenen Zahlen der zuständigen Behörden besonders deutlich.

Eine Zahl, zwei Wahrheiten

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) betreibt in Österreich das offizielle Hitze-Mortalitätsmonitoring. Für den Sommer 2023 hatte die AGES ursprünglich 53 hitzeassoziierte Todesfälle gemeldet, eine vergleichsweise niedrige Zahl. Zwischen 2023 und 2025 hat die AGES ihr Modell jedoch grundlegend überarbeitet. Es rechnet jetzt mit täglichen statt wöchentlichen Daten, berücksichtigt verzögerte Hitzeeffekte über bis zu 21 Tage und erlaubt erstmals eigene Schätzungen je Bundesland. Mit diesem neuen Modell liegt der rückwirkend berechnete Wert für denselben Sommer 2023 bei 652 Todesfällen.

Derselbe Sommer, dieselbe Bevölkerung, dieselben Wetterdaten. Und trotzdem ein Unterschied um mehr als das Zehnfache, je nachdem, welche Modellversion man zitiert. Das ist kein Vorwurf an die AGES, im Gegenteil: Die Behörde legt ihre Methodik offen und erklärt genau, warum sich die Werte verschiedener Modellversionen nicht direkt vergleichen lassen. Genau diese Offenheit fehlt aber, sobald eine Zahl den Weg in eine Schlagzeile findet. Dort verliert sie ihre Fußnote und wird zur scheinbar festen Tatsache.

Was tatsächlich gezählt wird, und was geschätzt wird

Die Verwirrung beginnt schon bei der Frage, was überhaupt als „Hitzetoter“ zählt. Es gibt zwei völlig unterschiedliche Kategorien. Die erste ist die medizinisch dokumentierte Diagnose Hitzschlag, in der Todesursachenstatistik als eigener ICD-Code erfasst. Das deutsche Statistische Bundesamt registrierte darunter für 2023 genau 37 Todesfälle, im Mehrjahresschnitt 2004 bis 2024 liegt der Wert bei rund 21 pro Jahr. Diese Zahl beruht auf ärztlich ausgestellten Totenscheinen und ist so verlässlich wie eine Todesursachenstatistik nur sein kann.

Die zweite Kategorie ist die hitzeassoziierte Übersterblichkeit. Hier wird kein einzelner Totenschein ausgewertet, sondern verglichen, ob während einer Hitzeperiode mehr Menschen gestorben sind, als ein statistisches Modell für diesen Zeitraum erwartet hätte. Die Differenz wird der Hitze zugerechnet, unabhängig davon, was tatsächlich auf dem Totenschein steht. Beide Zahlen sind wissenschaftlich legitim. Sie beantworten nur unterschiedliche Fragen, und in der Berichterstattung werden sie fast durchgängig vermischt.

Der Blick auf Niederösterreich

Wie unscharf die Modellrechnung auf regionaler Ebene bleibt, zeigt die neue Bundesland-Auswertung der AGES besonders gut. Für Niederösterreich weist das Modell für den Rekordsommer 2024 rund 227 hitzeassoziierte Todesfälle aus, mit einer Schwankungsbreite von 63 bis 384. Im deutlich kühleren Jahr 2025 waren es geschätzte 83, im Jahr 2020 nur 72. Eine Bandbreite von 63 bis 384 innerhalb eines einzigen Jahres bedeutet nichts anderes, als dass der wahre Wert irgendwo in diesem Korridor liegt, das Modell aber keine punktgenaue Aussage treffen kann. In einer Schlagzeile taucht davon in der Regel nur die Mittelwertzahl auf, die Unsicherheit fällt weg.

Auch die sogenannte minimale Mortalitätstemperatur, also jener Wert, ab dem das Sterberisiko laut Modell zu steigen beginnt, unterscheidet sich je nach Bundesland. Für Niederösterreich liegt sie bei 18,7 Grad, für Wien bei 20,2 Grad. Ein direkter Vergleich zwischen Bundesländern ist damit methodisch heikler, als es eine einfache Rangliste vermuten lässt.

Wenn sich die Zahl innerhalb weniger Wochen verdoppelt

Auch in Deutschland zeigt sich, wie sehr eine einzelne Schätzung im Berichtszeitverlauf schwankt. Das Robert Koch-Institut meldete für den Sommer 2026 bis Mitte Juli rund 9.800 hitzebedingte Sterbefälle. Nur zwei Wochen später lag der kumulierte Wert bereits bei etwa 12.500, und die Übersterblichkeit für den gesamten Zeitraum bis Mitte August wurde schließlich mit 20.500 beziffert, mit einem Unsicherheitsintervall von 16.100 bis 24.600. Jede dieser Zahlen war zum jeweiligen Zeitpunkt korrekt, weil sie sich schlicht auf unterschiedliche Berichtszeiträume bezog. In der medialen Weiterverwertung verschwimmen solche Zeitstempel aber schnell, und aus einer Zwischenmeldung wird eine vermeintlich abschließende Bilanz.

Warum Redaktionen trotzdem so berichten

Der Grund liegt selten in böser Absicht, sondern im Format. Eine Schlagzeile hat keinen Platz für ein 95-Prozent-Unsicherheitsintervall. „650 Hitzetote in Österreich“ liest sich griffiger als „AGES schätzt für 2023 zwischen 403 und 882 hitzeassoziierte Todesfälle, abhängig vom verwendeten Modell“. Hitze eignet sich zudem gut für visuelle Dramatik, brennende Sonne, ausgetrocknete Felder, schwitzende Menschen, während die eigentliche Nachricht, eine methodische Neuberechnung eines Bundesamts, kaum Bildmaterial hergibt. Und eine Zahl, die Angst auslöst, wird öfter angeklickt als eine, die relativiert.

Das ist dieselbe Dynamik, die während der Corona-Pandemie bei der Formulierung „mit oder an COVID-19″ zu beobachten war. Auch dort wurde zwischen einer Infektion, einer tatsächlichen Todesursache und einer statistischen Zuschreibung selten sauber unterschieden, und interne RKI-Diskussionen waren später deutlich differenzierter, als es die öffentliche Kommunikation zum jeweiligen Zeitpunkt vermuten ließ.

Extreme Hitze kann zweifellos tödlich sein, ein Hitzschlag kann innerhalb weniger Stunden zu Organversagen führen. Die Aufgabe seriöser Berichterstattung wäre es aber, klar zu benennen, was jeweils gemeint ist: eine medizinisch festgestellte Diagnose, eine statistisch geschätzte Übersterblichkeit, oder eine vorläufige Zwischenmeldung mitten in der laufenden Saison. Diese drei Dinge in einem Wort zusammenzufassen, mag Aufmerksamkeit bringen. Der Sache selbst wird es nicht gerecht.

 

Quellen

AGES, Hitze-Mortalitätsmonitoring (Bundesländer-Tabellen, laufend aktualisiert) https://www.ages.at/umwelt/klima/klimawandelanpassung/hitze

Robert Koch-Institut, Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität 2026 https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html

Robert Koch-Institut, FAQ Klimawandel und Gesundheit https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Klimawandel-und-Gesundheit/FAQ-Klimawandel.html

Statistisches Bundesamt, „Durchschnittlich gut 1 400 Krankenhausbehandlungen wegen Hitze und Sonnenlicht“ (37 Todesfälle 2023, ICD T67) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_27_p002.html

Statistik Austria, STATjournal 4/2025, „Hitze-assoziierte Übersterblichkeit“ https://www.statistik.at/fileadmin/pages/2061/STATjournal-4-2025_barrierefrei.pdf

Statistik Austria, Sterbefallmonitoring Sommer 2023 (Kalenderwochen-Daten) https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2023/09/20230928SterbefaelleKW36.pdf

Umweltbundesamt, Indikator „Hitzebedingte Todesfälle“ https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimafolgen-anpassung/folgen-des-klimawandels/monitoring-zur-das/das-handlungsfelder-indikatoren/menschliche-gesundheit/ge-i-2-hitzebedingte-todesfaelle