Die Thermenregion südlich von Wien zeigt im Sommer 2026 ein Bild, das sich in den vergangenen Jahren zunehmend wiederholt. Niedrige Grundwasserstände, ausgetrocknete Böden und eine wachsende Konkurrenz um die Ressource Wasser prägen die öffentliche Debatte.

Landesweit befinden sich rund siebzig Prozent der österreichischen Grundwassermessstellen auf niedrigem Niveau, mehr als jede zehnte verzeichnet einen historischen Tiefstand. Auch im Bezirk Baden und im angrenzenden Mödling melden die Messstellen niedrige Pegel. Wer die Ursachen dieser Entwicklung verstehen möchte, muss zunächst zwischen unterschiedlichen Grundwasserkörpern unterscheiden, die geologisch, altersmäßig und hydraulisch kaum etwas miteinander zu tun haben.

Die Schichtung des Untergrunds

Das südliche Wiener Becken, zu dem die Thermenregion zählt, besteht aus mehreren übereinander liegenden Wasserleitern, die sich in ihrer Entstehung und ihrem Verhalten grundlegend unterscheiden.

Am oberflächennahsten liegt der quartäre Schotterkörper der Mitterndorfer Senke, ein etwa vierzig Kilometer langer und bis zu acht Kilometer breiter tektonischer Grabenbruch, der sich von Neunkirchen über Ebreichsdorf bis Fischamend erstreckt und in der Eiszeit mit Schottermaterial verfüllt wurde. Die abgelagerten Sedimente sind rund vierhunderttausend Jahre alt, das darin zirkulierende Wasser selbst ist jedoch deutlich jünger, da es fortlaufend durch Schmelzwasser aus dem Schneeberggebiet sowie durch Niederschlag neu gebildet wird. Dieser Schotterkörper zählt zu den größten Grundwasservorkommen Europas und speist unter anderem die Wasserwerke Baden, Mödling, Wiener Neustadt sowie Teile der Wiener Trinkwasserversorgung. Weil dieser Wasserleiter ungespannt ist und in weiten Teilen bis nahe an die Geländeoberfläche reicht, reagiert er vergleichsweise rasch auf ausbleibende Niederschläge und intensive Entnahme.

Darunter folgen tiefere, tertiäre Grundwasserstockwerke in Sanden und Konglomeraten, die durch tonige Zwischenschichten weitgehend von den oberflächennahen Wässern getrennt sind. Diese gespannten Aquifere erneuern sich deutlich langsamer, da der Zustrom aus entfernten Einzugsgebieten über lange Fließstrecken erfolgt.

Eine dritte, geologisch eigenständige Kategorie bilden die Thermalwässer entlang der sogenannten Thermenlinie, jener Störungszone, die das südliche Wiener Becken im Westen gegen die Kalkalpen begrenzt und den Kurorten Baden, Bad Vöslau und Bad Fischau ihren Namen gegeben hat. Dieses Wasser stammt aus verkarsteten Kalkgesteinen der Alpen, versickert dort, durchläuft über Jahrtausende einen tiefen unterirdischen Kreislauf entlang der Störungsbahnen und tritt an den Bruchlinien wieder zutage. Die Ursprungsquelle des Vöslauer Mineralwassers etwa entspringt in sechshundertsechzig Metern Tiefe und wird auf ein Alter von rund fünfzehntausend Jahren geschätzt, das Wasser hat sich demnach bereits während der letzten Eiszeit auf seinen Weg durch das Gestein begeben. Solche Tiefenwässer sind gegenüber kurzfristigen Klimaschwankungen an der Oberfläche weitgehend abgeschirmt, ihre Entstehung und Nachbildung vollzieht sich auf geologischen Zeitskalen, die mit der aktuellen sommerlichen Trockenheit in keinem unmittelbaren Zusammenhang stehen.

Wer entnimmt wie viel

Die spürbare Verknappung betrifft in erster Linie den oberflächennahen, klimasensiblen Wasserleiter. Hier konkurrieren mehrere Nutzergruppen um dieselbe, sich nur langsam erneuernde Ressource.

Die Landwirtschaft ist in der Thermenregion durch Weinbau und intensiven Gemüseanbau ein bedeutender Wasserverbraucher, insbesondere während der Vegetationsperiode im Sommer, wenn Bewässerung und natürliche Verdunstung zeitlich zusammenfallen. Anhaltende Trockenperioden mit unterdurchschnittlichem Niederschlag verschärfen diesen Bedarf zusätzlich. Kommunale Wasserversorger entnehmen aus demselben Schotterkörper Trinkwasser für ein großes Einzugsgebiet, das von Wiener Neustadt über Baden bis in Teile Wiens reicht, und auch industrielle Nutzer sind auf denselben Grundwasserkörper angewiesen, etwa zu Kühlzwecken oder als Prozesswasser. Da alle diese Entnahmen aus demselben, an der Oberfläche liegenden und niederschlagsabhängigen System stammen, addieren sich ihre Effekte in Zeiten geringer Neubildung.

Der Sonderfall Perchtoldsdorf

Ein anschauliches Beispiel für ein drittes, lokal begrenztes System liefert die Marktgemeinde Perchtoldsdorf am Westrand der Thermenregion, unmittelbar am Übergang zum Wienerwald. Die Gemeinde verfügt seit 1907 über eine autonome Wasserversorgung, die ursprünglich aus fünf eigenen Quellfassungen gespeist wurde und mittlerweile durch mehrere Tiefbrunnen mit Fassungstiefen bis zu 120 Metern ergänzt ist. Jährlich werden auf diesem Weg rund 1,2 bis 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser für die rund 4.500 Hausanschlüsse gefördert. Geologisch liegt Perchtoldsdorf am Rand des Wienerwaldes, wo Kalk- und Flyschgesteine an die Beckenfüllung des Wiener Beckens grenzen. Die Perchtoldsdorfer Quellen und Tiefbrunnen speisen sich damit aus einem eigenständigen, lokal begrenzten Einzugsgebiet und sind hydraulisch nicht direkt mit dem großflächigen Schotterkörper der Mitterndorfer Senke verbunden, auch wenn sie geografisch in dessen Nähe liegen. Das erklärt auch die für die Region charakteristische starke Mineralisierung des Wassers mit bis zu 28 Härtegraden, die auf den Kontakt mit karbonatreichem Gestein zurückgeht. Für die Beurteilung der aktuellen Situation bedeutet dies, dass eine autonome, quellgespeiste Versorgung wie jene Perchtoldsdorfs zwar ebenfalls von Niederschlagsdefiziten betroffen sein kann, ihre Belastung aber unabhängig von den Entnahmen im großen Grundwasserkörper der Mitterndorfer Senke zu bewerten ist. Eine seriöse Einschätzung der Versorgungssicherheit erfordert daher eine eigene Betrachtung des Perchtoldsdorfer Einzugsgebiets, getrennt sowohl vom oberflächennahen Schotterleiter als auch von den tiefen Thermalwässern der Thermenlinie.

Warum die Thermalquellen eine andere Kategorie sind

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Trennung zwischen dem oberflächennahen Grundwasserleiter und den tiefen Thermalwässern entscheidend für eine korrekte Einordnung der aktuellen Situation. Die Thermalquellen beziehen ihr Wasser aus einem geologisch getrennten Kreislauf, dessen Nachbildungszeiten sich nicht in Jahren, sondern in Jahrtausenden bemessen. Eine kurzfristige Trockenperiode, wie sie derzeit die oberflächennahen Grundwasserstände drückt, hat auf diesen tiefen Kreislauf keinen messbaren Einfluss, und umgekehrt liefert die Förderung von Thermalwasser keinen relevanten Beitrag zur aktuellen Verknappung des Trinkwassers. Wer öffentliche Debatten über Wassersparen und Entnahmebeschränkungen führt, tut daher gut daran, diese beiden Systeme klar zu benennen, um Ursache und Wirkung nicht zu vermischen. red.