Veröffentlicht am 15. September 2026
Kommentar. Rumort es irgendwo auf der Welt, kürzt die OPEC die Förderung oder eskaliert ein Konflikt im Nahen Osten, ziehen die Preise an Österreichs Zapfsäulen sofort an. Über Nacht, oft schon bevor die Nachricht in der ZIB läuft. Sinkt der Ölpreis dagegen wieder, dauert es. Und dauert. Ökonomen haben für dieses Verhalten sogar einen eigenen Namen, den Rocket-and-Feather-Effekt: rauf wie eine Rakete, runter wie eine Feder. Die Politik schaut dabei seit Jahren weitgehend zu.
Die Bremse, die kaum bremst
Die aktuelle Antwort der Regierung heißt Spritpreisbremse. Ende August wurde sie bis Ende September verlängert: Die Mineralölsteuer bleibt um 1,9 Cent pro Liter gesenkt, dazu kommt eine Preis-Runter-Garantie, die sinkende Großhandelspreise schneller an die Zapfsäule bringen soll. Ausgesetzt bleibt dagegen der eigentlich wirksame Hebel, eine Begrenzung der Handelsspannen. Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) hatte selbst eingeräumt, dass eine Spritpreisbremse ohne Margenbegrenzung wenig bringt. Durchgesetzt hat sich trotzdem Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP), der bei einem Eingriff in die Margen die Versorgungssicherheit gefährdet sieht. Anfang September kostete Diesel im Österreich-Schnitt rund 2,13 Euro, Super rund 1,91 Euro. Die Regierung nennt das Entlastung. In der Geldbörse der Autofahrer ist davon nicht viel zu merken.
Eine Steuersenkung, die niemand merkt
Ähnlich sieht es bei der zweiten großen Entlastungsmaßnahme des Jahres aus. Seit 1. Juli 2026 gilt für Brot, Milch, Butter, Eier, Getreide und viele heimische Obst- und Gemüsesorten ein Mehrwertsteuersatz von 4,9 statt zuvor 10 Prozent. Klingt nach viel, bringt aber laut Berechnungen des Finanzministeriums im Schnitt rund 100 Euro pro Jahr und Haushalt. Auf die Inflation wirkt sich das mit geschätzten 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten fast nicht aus. Bezahlt wird die Maßnahme, die den Staat rund 400 Millionen Euro im Jahr kostet, über zwei neue Abgaben: eine Steuer auf nicht recycelbaren Kunststoff und eine Paketsteuer auf Sendungen aus Drittstaaten. Unterm Strich verschiebt sich die Last eher, als dass sie kleiner wird. Der Lebensmittelhandel musste dafür seine gesamten Kassensysteme umstellen, für einen Effekt, den im Börsel praktisch niemand bemerkt.
Schlusslicht statt Aufholjagd
An der Kostenschraube tut sich wenig, bei der wirtschaftlichen Entwicklung erst recht nichts. Im zweiten Quartal 2026 war Österreich das einzige Land der gesamten EU, dessen Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorquartal geschrumpft ist, um 0,1 Prozent, während die Eurozone um 0,6 und die EU insgesamt um 0,7 Prozent gewachsen sind. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet die EU-Kommission für Österreich mit einem Plus von 0,9 Prozent, für die EU insgesamt mit 1,4 Prozent. Schlechter schneiden nur Irland und Italien ab. Dazu kommt ein Budgetdefizit, das mit voraussichtlich 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung deutlich über der Maastricht-Grenze von 3 Prozent liegt.
Inflation, die einfach bleibt
Wer angesichts von Spritpreisbremse und Mehrwertsteuersenkung eine spürbar sinkende Inflation erwartet hätte, wird enttäuscht. Prognosen gingen für 2026 von rund 3 Prozent aus, trotz der politischen Preiseingriffe. Die aktuellsten Zahlen für September zeigen sogar einen Anstieg auf rund 4 Prozent, den zweithöchsten Wert seit März 2024, und damit weiterhin deutlich über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent. Zwei teure Maßnahmen, minimale Wirkung, dazu ein Budget, das aus dem Ruder läuft. Dass darüber öffentlich so selten diskutiert wird, überrascht.
Abseits von Wien trifft es die Menschen härter
Nicht jede Region in Niederösterreich spürt das gleich stark. Die Thermenregion liegt nahe an Wien, mit vergleichsweise kurzen Wegen und einer für niederösterreichische Verhältnisse dichten Bahnanbindung. Im Wald- und Weinviertel oder im Mostviertel sieht das anders aus: längere Pendelstrecken, ein dünneres Öffi-Netz und damit deutlich mehr Abhängigkeit vom eigenen Auto. Dort schlägt jeder Cent am Zapfhahn stärker durch als in Wien-Nähe. Das Land Niederösterreich versucht mit der Pendlerhilfe gegenzusteuern: bis zu 1.000 Euro nicht rückzahlbarer Zuschuss, bei Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bis zu 1.200 Euro, allerdings erst ab 25 Kilometern einfacher Fahrtstrecke zwischen Hauptwohnsitz und Arbeitsplatz, eine Distanz, die außerhalb des Wiener Umlands eher zusammenkommt. Immerhin zählt Niederösterreich bundesländerweit zu den günstigeren Tankregionen. Ein schwacher Trost, wenn die Preise insgesamt historisch hoch bleiben, die Wirtschaft stagniert und am Monatsende trotzdem weniger übrig bleibt als im Jahr davor.



