Veröffentlicht am 14. September 2026
Der Name verrät die Wurzeln: Als Dr. Ignaz Franz Castelli am 10. März 1846 den „Niederösterreichischen Verein gegen Mißhandlung der Tiere” gründete, war das Bundesland Niederösterreich zu dieser Zeit noch untrennbar mit Wien verbunden – die Stadt war Teil des Kronlandes Niederösterreich. Zu einer Zeit, in der Hahnenschlag und Gänseschießen noch als harmlose Volksbelustigung galten, entstand hier einer der ersten Tierschutzvereine im deutschsprachigen Raum. Bis heute ist die niederösterreichische Verankerung mehr als ein historisches Detail: Das zentrale Tierschutzhaus des Vereins liegt seit 1998 in Vösendorf im Bezirk Mödling – mitten in Niederösterreich. 180 Jahre nach der Gründung ist aus dem Verein eine österreichweite Institution geworden: Tierschutz Austria, besser bekannt als Wiener Tierschutzverein, feiert heuer sein Jubiläum – und das ausgerechnet in einem Jahr, das die Organisation an ihre Belastungsgrenzen bringt.
Von der Friedrich-Kaiser-Gasse nach Vösendorf
Die Geschichte des Vereins liest sich auch als Geschichte wechselnder Standorte. 1902 eröffnete in Ottakring das erste Tierschutzhaus, das über drei Jahrzehnte in Betrieb blieb. 1911 bezog der Verein seine Zentrale am Schulhof, die bis 1988 Bestand hatte. 1935 folgte ein neues Tierschutzhaus am Khleslplatz in Altmannsdorf, das mehr als 60 Jahre lang genutzt wurde. Seit 1998 ist das Tierschutzhaus Vösendorf die zentrale Anlaufstelle – heute eines der größten Tierheime Europas, durch das jährlich rund 10.000 Tiere versorgt werden. Auch rechtlich hat der Verein Spuren hinterlassen: 2005 trat das erste österreichische Bundes-Tierschutzgesetz in Kraft, das etwa Pelztierfarmen verbot und Wildtiere im Zirkus beendete. 2013 wurde der Tierschutz sogar in der Bundesverfassung verankert. Seit 2020 tritt der einstige Wiener Lokalverein unter der Marke „Tierschutz Austria” österreichweit auf.
Ein Jubiläumsjahr im Ausnahmezustand
Dass 180 Jahre Vereinsgeschichte nicht gleichbedeutend mit ruhigem Fahrwasser sind, zeigt der Sommer 2026 deutlich. Mehrere Hitzewellen mit Temperaturen über 40 Grad haben Tierschutz Austria nach eigenen Angaben an die absolute Kapazitätsgrenze gebracht. Allein an einem Wochenende im Juni wurden 250 verletzte oder geschwächteWildtiere aufgenommen. Bis Mitte August waren es bereits knapp 4.000 Wildtiere im laufenden Jahr – mehr als im gesamten Jahr 2023, das bis dahin als Rekordjahr galt. Besonders betroffen: Jungvögel, deren Nester auf überhitzten Dächern buchstäblich zur Falle wurden. Zwei Jahre nach dem verheerenden Hochwasser, das damals Tausende Freiwillige mobilisierte, ist es nun die Hitze, die zur größten Belastungsprobe wird. Rund 2.500 ehrenamtliche Helfer:innen engagieren sich mittlerweile im Rahmen der Initiative „Team Tierschutz” – seit deren Gründung wurden gemeinsam über 5.000 Wildtiere gerettet.
Vermittlung bleibt eine Herzensangelegenheit
Neben der akuten Wildtierhilfe bleibt die klassische Vermittlung von Hunden und Katzen ein Kernanliegen des Vereins. 2025 fanden 2.405 Tiere aus dem Tierschutzhaus Vösendorf ein neues Zuhause. Für 2026 liegt noch keine offizielle Jahresbilanz vor, doch die aktuellen Zahlen lassen auf einen ähnlich hohen Bedarf schließen: Aktuell warten mehr als 1.000 Tiere im Tierheim auf Adoptierende, phasenweise waren es sogar über 2.500 – ein Hinweis darauf, wie sehr Hitzesommer, aber auch generell steigende Abgabezahlen den laufenden Betrieb fordern.
Zwischen Tradition und aktuellen Kämpfen
180 Jahre nach seiner Gründung engagiert sich der Verein längst nicht mehr nur im eigenen Tierheim. Aktuelle Kampagnen reichen von einer Petition für ein Fiaker-Fahrverbot bei großer Hitze über den Einsatz für Wiens Stadttauben bis zur Aufklärung über die Gefahren von Mährobotern für Igel und andere Wildtiere. Auch beim Thema Erbrecht und Testament positioniert sich die Organisation, um langfristig Spenden und Zustiftungen für den Tierschutz zu sichern. Was 1846 als Reaktion auf öffentlich zur Schau gestellte Tierquälerei begann, ist heute eine Organisation, die zwischen Wildtiernotfällen, politischer Lobbyarbeit und alltäglicher Vermittlungsarbeit balanciert. Die Zahlen des Jubiläumsjahres 2026 zeigen dabei vor allem eines: Der Bedarf an professionellem Tierschutz ist 180 Jahre nach der Gründung nicht kleiner geworden – im Gegenteil.
Bilder: Tierschutzhaus Austria



